Film05. Dezember 2002

Witzige Ost-West-Kollision im Dogma-Stil

Schweizer Premiere: Filmclub Zug präsentiert den mit dem Max Ophüls Preis 02 ausgezeichneten Spielfilm «Mein Russland»

Am Montag zeigt FLIZ den brandneuen Film der österreichischen Regisseurin Barbara Gräftner. Sie äussert sich im Interview zum Dogma-Film und zu unterschiedlichen Wertvorstellungen im Osten und Westen.

Zuger Presse: Diverse formale Elemente erinnern in «Mein Russland» an die Dogma-Filme: Handkamera, Verzicht auf Musik, Dialoglastigkeit, Schauspieler im Zentrum. Und inhaltlich gemahnt die Geschichte der anlässlich einer Familienfeier aufbrechenden Konflikte an Thomas Winterbergs «Festen». War dieser Dogma-Film ein Vorbild?

 

Barbara Gräftner: Ja, ein prägendes Erlebnis war es für mich schon, «Festen» zu sehen. Etwas derart Eindringliches hatte ich zuvor noch nie gesehen, sowohl was das Drehbuch als auch was die schauspielerischen Leistungen anbelangte. Und weil für mich Produktionsbedingungen und Kreativität untrennbar miteinander verknüpft sind, schrieb ich ein Drehbuch für eben diese Bedingungen, das heisst einen Film für ein kleines Budget und kurze Drehzeit – aber mit einer Crew von ausserordentlich fähigen Leuten. Denn das ist alles irrsinnig anspruchsvoll, auch wenn es so leicht aussieht. Da ich auf der Filmakademie gute Leute kennen gelernt, jedoch kein Geld hatte, war das einfach der bestmögliche Stil – und offensichtlich funktionierte es.

 

Thematisiert die Zivilisationskrankheit des Machbarkeitswahns: die österreichische Regisseurin Barbara Gräftner. Foto PD

 

Dann kann man «Mein Russland» also als ersten österreichischen Dogma-Film bezeichnen - auch ohne den ansonsten im Vorspann erscheinenden Gag mit Zertifizierung und Nummer?

 

Wir haben uns um die Zertifizierung bemüht. Es war die Absicht da, einen «echten» Dogma-Film zu realisieren, aber wir bekamen keine Antwort. Es hiess aber auch auf einmal, Lars von Trier (der Dogma-Initiant, Anm. d. Red.) habe die Regeln bereits wieder geändert, und irgendwann war es mir dann egal.

 

Filmen bedeute, das Bleibende hinter den sich wandelnden Gestalten sehen zu wollen, werden Sie in einem Festivalkatalog zitiert; an einem andern Ort steht, Sie hätten ein «alchimistisches Weltbild». Können Sie das etwas näher beschreiben ?

 

(Seufzt und denkt lange nach.) Am besten zitiere ich da auch wieder, und zwar aus der Tiefe des humanistischen Bildungsschatzes, Goethe nämlich: «Alles Seiende ist nur ein Gleichnis, das Unzulängliche, hier wirds Ereignis» oder so ähnlich (lacht). Nein, also wenn es eine Definition von Kunst überhaupt geben kann, dann wäre es für mich die, dass das Wesen aus der Erscheinung herausgekitzelt werden muss. Und mit Kamera sowie filmischen Gestaltungkriterien habe ich die Möglichkeit, genau das zu machen.

 

Das tönt theoretisch und abgehoben, dabei ist «Mein Russland» das pure Gegenteil: voller Leben und Sinnlichkeit, komödiantisch und witzig. Trotzdem ist der Inhalt nicht gerade einfach zu beschreiben. Können Sie es dennoch versuchen?

 

«Mein Russland» handelt primär von einer tragikomischen weiblichen Hauptperson, die völlig der Zivilisationskrankheit des Machbarkeitswahns erliegt. Margit, diese Frau, glaubt, sie habe alles im Griff, und es müsse alles nach ihren Vorstellungen laufen. In Wirklichkeit ist sie jedoch vereinsamt und sich selbst entfremdet, und sie wird durch diese innere Not böse, sie ist Opfer und Täterin zugleich. Als Letztere tut sie dann alles, um die aus dem Osten angereiste Familie ihrer zukünftigen Schwiegertochter abhängig zu machen.

 

Sie selber leben und arbeiten in Wien, wo auch der Film spielt. Wie erleben Sie die geografische Nähe dieser Stadt zu dem nun schon über ein Jahrzehnt lang offenen Osten?

 

Österreich lag schon immer an diesem Schnittpunkt, ich selber habe durch meinen Bruder, der bereits vor dem Fall des Eisernen Vorhangs mit einer Ukrainerin liiert war, diese Länder schon früh besucht. Und ich habe schon bald gemerkt, dass diese andere Kultur auch von einer anderen Geisteshaltung, von anderen Wertvorstellungen geprägt ist. Die Leute dort sind einerseits sozialer, weniger eigennützig, und andererseits haben sie eine faszinierende Gabe zur Metaphysik, sie sehen hinter allem einen höheren Willen. Dabei lassen sie viel mehr einfach geschehen, ohne immer gleich eingreifen zu wollen – das alles war natürlich die ideale dramaturgische Opposition zur bereits beschriebenen Hauptfigur mit ihrer westlichen Zivilisationskrankheit des Machbarkeitswahns. Mit meiner Faszination für die völlig andere Kultur des Ostens stehe ich indes nicht allein da, es gibt nämlich im Zuge der EU-Osterweiterung bei einem nicht unerheblichen Teil der Leute diese seltsame Stimmung, die «alten Kronenländer» wieder in die Arme zu schliessen. Das liegt mir selber natürlich völlig fern, ich bin doch keine Monarchistin (lacht).

 

Interview Geri Krebs für ZUGER_PRESSE 6.12.2002

 

 

 

Der Film «Mein Russland»

Milieustudie zwischen Borschtsch und Schweinebraten

«Mein Russland» (2002) der Österreicherin Barbara Gräftner nimmt in lustvoller Weise die verschiedenen Klischees von Ost- und Westmenschen auf die Schippe. Die 1964 in Wien geborene Regisseurin – die auch das Drehbuch schrieb – zeichnet dabei ein irritierend vielfältiges Bild eines Verhältnisses zum «Fremden»: Margit, eine Wiener Bankangestellte, geschieden, mit zwei erwachsenen Kindern, fiebert der Hochzeit ihres Sohnes mit einer in Österreich lebenden Ukrainerin entgegen. Die Ankunft der Familie der künftigen Schwiegertochter aus dem Osten löst indes nicht nur zahlreiche Turbulenzen und Verwicklungen aus, sondern offenbart auch drastisch das ganze Ausmass emotionaler Nöte einer nach aussen hin angepassten Frau mit heiler Fassade. «Mein Russland» ist der erste lange Spielfilm von Barbara Gräftner; der mit Handkamera gedrehte und mit bescheidenen finanziellen Mitteln realisierte Film wurde bereits an zahlreichen europäischen Festivals ausgezeichnet und erlebt in Zug seine Schweizer Premiere. (GK)





Am 9.12. um 20 Uhr im Kino Gotthard, Zug. Die Regisseurin Barbara Gräftner ist anwesend.

Datum: 05. Dezember 2002

Zeitung: Nr. 97 vom 06. Dezember 2002

Autor/-in: Franziska Meier (franziska.meier@zugermedia.ch)