Thèbes - à l'ombres de la tombe

JSüddeutsche Zeitung: Grössenwahn in Ägypten (25.1.07)

 

Mo. 10.8.2009 Kino Gotthard Zug 20:00 h

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Süddeutsche Zeitung

25.01.2007

Größenwahn in Ägypten


Klotzen wie die Pharaonen

Tourismusplaner wollen Luxor zum riesigen Erlebnispark aufpeppen, Vorbilder suchen sie in Las Vegas. Für Dorfbewohner bleibt da allerdings kein Platz.

Von Tomas Avenarius

Wie schwer wiegt die menschliche Würde? Schwer, sagt Aschraf. Der junge Ägypter steht vor dem Haus, das sein Großvater gebaut hat, "mit den eigenen Händen". Ein Bagger reißt gerade die letzten Wände nieder, die Zähne der Schaufel zerren am Mauerwerk.
Steine fallen, Balken brechen, Mauern stürzen in sich zusammen. Staub steigt auf und hüllt Aschrafs Großmutter ein. Die sitzt am Boden vor dem Haus, zwischen einem Sammelsurium aus Möbeln, Kühlschrank, Herd, Fernseher und billigen Plastikteppichen. Sie schlägt die Hand vors Gesicht.
Aschraf sagt: "Warum wehren wir uns nicht? So verliere ich den letzten Selbstrespekt."
Es bleibt nicht viel übrig von Aschrafs Haus und auch nicht viel von seinem Selbstrespekt: Die ägyptische Regierung hat angeordnet, dass das Haus abgerissen wird, so wie fast alle anderen Häuser in Gurna.
Von Anbeginn gehörten die knapp 50 klobigen Lehmziegelhäuser am Berghang zum Tal der Könige zur Szenerie des Ägyptentourismus wie die goldene Maske des Pharaos Tutenchamun oder die Pyramiden von Gizeh.
Weltbekannt sind sie, die bunt bemalten Häuser über den "Gräbern der Noblen", zwischen denen barfüßige Kinder die Touristen in die Shops der Alabasterhändler locken, wo es den Kopf der Nofretete, die unausweichliche Tut-Maske und anderen Pharaonen-Nippes in allen Größen, Formen und Farben gibt.
Jetzt aber kommt das Aus für das alte Gurna: Die Regierung will Luxor samt der Totenstadt ins größte, schönste und sauberste Freilichtmuseum der Welt verwandeln.
Die schäbigen Häuser der Grabräuber von Gurna passen nicht ins Konzept der Tourismusplaner. Auch nicht das Haus von Aschraf, dessen neunköpfige Familie seit Generationen dort lebt und der seinen richtigen Namen aus Angst vor der Polizei nicht nennen will.
Ein Besuch bei Samir Farag im Büro, auf der anderen Seite des Nils, mitten im geschäftigen Luxor mit seinen frisch gestrichenen Fassaden: Hier scheinen die Würde und der Selbstrespekt weniger schwer zu wiegen.
Jedenfalls solange es nur um die Leute von Gurna geht.
Der Präsident des Obersten Rats der ägyptischen Antikenverwaltung denkt einfach in anderen Dimensionen. Ägyptens Staatspräsident Hosni Mubarak hat Farag einen Auftrag erteilt, und den führt der Antikenfunktionär aus: Luxor aufzupeppen.
Die Tempel am Ostufer und die Totenstadt am Westufer des Nils sollen zu einer weltweit einzigartigen Tourismusattraktion werden. Ein riesiger Museumspark, in den Millionen Besucher aus aller Welt quasi vom Flughafen, dem Bahnhof oder der Busstation eintreten und den sie erst nach ein, zwei oder drei Tagen verlassen: Wenn sie alles gesehen und bestaunt und dabei viel Geld ausgegeben haben.
Wenn Farag aus seinem Sessel hinter dem Schreibtisch aufsteht und in den Sitzungssaal geht, wenn er den Laserpointer über die Dias und Graphiken seiner Planer fliegen lässt, dann wächst unter seinen Händen das Millionenprojekt eines neuen Luxor.
Da wird die mehr als 2,5 Kilometer lange Sphinx-Allee zwischen den Tempeln von Luxor und Karnak in einem Zug ausgegraben, da entsteht ein "Culturama", in dem die 5000-jährige Geschichte Ägyptens von den Pharaonen bis zu Mubarak in leicht verdaulichen Portionen auf die Panorama-Leinwand geworfen wird.
Da werden Touristenströme in einem "Zentralen Besucher-Verkehrsleitzentrum" per Computersystem von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten und später in die Hotels geleitet, werden Busparkplätze angelegt und neue Basare aufgebaut.
Da werden ganze Stadtviertel abgetragen und die Perspektive von den Tempeln auf der Ostseite hinüber zur Totenstadt auf der Westseite wieder hergestellt "wie zu Zeiten der Pharaonen. Wir wollen, dass die Besucher sich in die Welt der alten Ägypter zurückversetzen können."

Dorfbewohner sind im Weg.

Wenn der oberste Antikenfunktionär Farag so richtig in Fahrt ist, schwärmt er vom Pharao-Kasino-Hotel "Luxor" in Las Vegas als Beispiel einer gelungenen Synthese aus Alt und Neu. Hinter der Dia-Show des Ägypters zeichnet sich dann ungewollt sein pharaonisches Disney-Land ab: Tutenchamun wird zur Micky Maus.
Irgendwie waren die Bewohner von Gurna da im Weg.
Luxor ist, sowohl archäologisch als auch touristisch betrachtet, die Schatzkammer Ägyptens. Nirgends sonst im Land finden sich so viele spektakuläre Altertümer auf einer überschaubar großen Fläche, kaum irgendwo sonst sind so viele Touristen wie in dieser oberägyptischen Stadt.
Luxor, das ist das alte Theben, die mehr als dreieinhalbtausend Jahre alte Residenz der Pharaonen: Die Tempelanlagen von Luxor und Karnak, deren wuchtige Säulen am Ostufer des Nils in den Himmel wachsen; die Totenstadt auf der Westseite mit dem Tal der Könige, wo Howard Carter den Kindpharao Tutenchamun unter seiner goldenen Maske liegend fand, wo der Totentempel der knebelbärtigen Pharaonin Hatschepsut sich in Terrassen den kahlen Berg hinauf zieht.
All das in der saftig-grünen Landschaft aus Zuckerrohrfeldern, im Wind schwankenden Palmen, vor sich hin zuckelnden Eselskarren und turbantragenden Fellachen.
Und dazwischen fließt gemächlich der Nil: Ein Postkarten-Ägypten, das sich den britischen Thomas-Cook-Kolonialtouristen lange vor der vorletzten Jahrhundertwende präsentierte und sich so bis heute auch den Pauschal-Abenteurern aus aller Welt zeigt.
Die Grabräuber von Gurna haben immer zu diesem Luxor dazugehört. Wobei die Grabräuberei schon lange nicht mehr ihre Haupteinkommensquelle ist. Die Menschen in Gurna leben meist vom Souvenirhandel. Und das nicht schlecht. Manch ein Besitzer der unzähligen Alabaster-Manufakturen und Alabaster-Shops hätte im Hinterhof den Mercedes stehen, heißt es. Aber auch die, die keinen Mercedes, sondern nur einen Eselskarren haben, können von den Touristen leben: als Alabasterverkäufer, fliegende Händler in Sachen Coca-Cola oder als Touristenführer.
Das Problem ist: Die alten Häuser am Hang, die über den Gräbern der Minister und adeligen Hofmitglieder des Pharaonenstaats gebaut wurden, haben kein Abwassersystem.
Bis heute karren die Leute von Gurna ihr Wasser Tag für Tag auf Eselswagen an. Es versickert nach Gebrauch im Boden. "Das Abwasser zerstört die Gräber. Mit den Ausgrabungen der meisten dieser Gräber haben wir ja noch nicht einmal angefangen", sagt Farag. "Da sind ungeheure Werte bedroht."
Und Ägyptens Chefarchäologe Zahi Hawass sagt: "Bis heute berauben einige Bewohner von Gurna uns noch unbekannte Gräber und verkaufen die Schätze auf dem internationalen Markt." Hawass meint, er könne noch bis zu 1000 Grabstätten unter dem Dorf finden, wenn die Häuser endlich abgerissen seien.
Entschlossen, die antiken Stätten zu retten und das neue Bilderbuch-Luxor gleichzeitig vom Anblick der ärmlichen Häuser am Bergrand zu befreien, hat die Regierung ein paar Kilometer entfernt ein neues Dorf gebaut: Neu-Gurna hat 600 Häuser, die billigst gebaut und schachbrettartig angeordnet sind und von denen das eine aussieht wie das andere. Dazu kommen eine Schule, ein Postamt, ein Kino, ein Jugendzentrum und eine Polizeistation.Vor allem aber: Das neue Dorf ist drei Kilometer weg von den Orten, an die die Touristen kommen: "Damit ist unser Geschäft kaputt", sagt der Alabasterhändler Hamid. "Wovon sollen wir in Zukunft leben? Die Busse fahren wegen uns doch keine Umwege."

Dass Menschen wie Aschraf oder der Alabasterhändler Hamid daher nicht glücklich sind, ihre alten Häuser verlassen zu müssen und in diese neuen Häuser einziehen zu dürfen, kann der oberste Antikenfunktionär Farag nicht verstehen: "Diese Slums am Berg gegen ein modernes Leben!" Doch es geht in Gurna nicht nur um Alt und Neu, um traditionell-primitiv oder modern mit Strom und fließend Wasser: Es geht auch nicht nur um den Erhalt pharaonischer Stätten. Es geht, wie immer, auch und vor allem ums Geld. Fast zehn Millionen Touristen kamen 2006 nach Ägypten; ihre Reiselust spülte gut sieben Milliarden Euro ins Land.Der Tourismus ist längst eine der Haupteinnahmequellen des ägyptischen Staats. Und weil das Land nicht viele zukunftsträchtige Industriezweige hat, setzen Kairos Kassenwarte auf immer mehr Tourismus als Wachstumsfaktor und Arbeitsplatzmaschine für eine rasch wachsende Bevölkerung. 2011 will Präsident Mubarak 14 Millionen Gäste im Land sehen; der Ausbau der Tourismusindustrie steht bei seinem Regierungsprogramm weit oben. Das sind die Zahlen, die die Frage nach der Würde und dem Selbstrespekt von Aschraf aus Gurna ziemlich eindeutig beantworten. Weshalb Aschraf und seine Familie nun im neuen Gurna wohnen und in absehbarer Zeit noch viel mehr Touristen nach Luxor kommen werden.
Und wenn die dann die von Altertums-Funktionär Farag wiederhergestellte Perspektive vom Ostufer hin zur Totenstadt am gegenüberliegenen Nilufer genießen, dann wissen sie wahrscheinlich nicht einmal, was ihnen fehlt.


(SZ vom 25.1.2007)

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